Reisebericht Sri Lanka 6.4. - 22.4.2005

Erfahrung zwischen Ayurveda und Tsunami

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Sa 16.4. Begegnungen

Am morgen um 7:20 hätte ich Shirodhara. Lasse es sausen, da ich ausschlafen will.
Um 11 fahren Inge, Stefanie und ich mit dem Tuk-Tuk nach Ambalantota und wollen auf den Markt. Aber da ist keiner, auch die meisten Geschäfte haben zu und es ist auch sonst wenig los, Nachwirkungen des Neujahrfestes. Wir hätten vorher im Hotel fragen sollen.
Dabei fällt auf, wie dreckig die Strassen sind, wenn sie nicht durch Menschenmassen bevölkert werden.
Einer verkauft Kokosnussmilch. Dazu wird in eine frische "King Coconut", die noch die gelbe Schale rum hat, ein Loch geschnitten und man trinkt die Nuss mit einem Strohhalm aus. Sie ist randvoll mit Milch, ein halber Liter vielleicht, und besitzt noch kein oder nur wenig Fruchtfleisch. Die leeren Nüsse türmen sich hinter dem Stand, wo sie vermutlich auch liegen bleiben. Die Mädels erstehen noch zwei Ananas, welche während der Ayurvedakur "verboten" sind, da sie in Verbindung mit der Medizin zu Hautausschlägen führen können, und in einem Kleiderladen ein paar Batikhemdchen. Ich nehme ein Hemd aus Bangkok und zahle dafür 1100 Rupies, ~9 Euro. Daheim hätte ich mindestens 50 berappen müssen.

Wir finden ein Tuk-Tuk und fahren zurück ins Hotel. Er verlangt 250 Rupies, die Hinfahrt hatte 400 gekostet.
Wie schnell sich die Preise ändern.

Am Nachmittag ist für mich Behandlung angesagt.

Gegen Abend wollten wir eigentlich alle mal wieder an den Strand vorm Hotel, aber ich finde keines der Mädels, also gehe ich allein.
Wie immer grüsst der Wächter freundlich, bevor ich auf den fast menschenleeren Strand gelange, der immer, wenn ich ihn wiedersehe, seine Form verändert hat. Diesmal hat er in Wassernähe keine scharfe Abrisskante aus Sand, sondern eine weiche Welle, über die das Wasser weit auf den Strand gespült wird. Treibgut liegt weit hinten am Strand. Es ist relativ windstill um diese Zeit, man kann sogar eine rauchen.

Ich beobachte einige Zeit das Spiel der Wellen - das könnte ich stundenlang – gehe dann Richtung Westen dem Sonnenuntergang entgegen und lasse meine Füsse vom warmen Wasser umspülen. Plötzlich höre ich hinter mir ein Klatschen. Ich drehe mich um und sehe einen singhalesischen Jungen auf mich zu kommen. Was will er denn? frage ich mich. Ist das einer der Beachboys, die sonst vornehmlich die Damen anmachen? Oder ein Überfall?
Als wir uns treffen fragt er "Hello, how are you?". "Fine, and you?", erwidere ich. "I am sad" sagt er. Oh Gott, denke ich, will er mir jetzt die Story von der wilden Sau aufbinden?

Er erzählt, er sei Chamith aus Hambantota, und habe in der Tsunami seine Mutter, einen Bruder und 4 Freunde verloren. In solchen Situationen bin ich aufgeschmissen, weiss nicht was ich sagen soll, aber stammle unbeholfene Worte. Ich glaube ihm, so wie er es erzählt. Ausserdem hat er mich nicht um Geld angehaun. Habe auch keines dabei. Er fragt mich, ob ich Sri Lanka mag, diese Frage stellt fast jeder Einheimische mit dem man ins Gespräch kommt. Trotz aller Armut sind sie sehr stolz auf ihr Land.

Er möchte, dass ich ihn fotografiere und possiert dementsprechend. Wir gehen noch eine Weile schweigend nebeneinander her. Dann holt er einen kleinen Block und einen Kugelschreiber aus seiner Tasche und notiert mir seine Adresse. Ich weiss nicht recht, was ich mit dieser soll. Die Fotos schicken? Oder Geld? Auf alle Fälle ist er gut ausgerüstet, der Knabe, und ich weiss nicht, was ich davon halten soll.
Am Eingang zum Hotel wünsche ich ihm viel Glück und einen Job, denn auch den hat er verloren.

Chamith Chaturanga

 

Der Wächter ist nun ein anderer, er grüsst mich und fragt mich ebenfalls wie es mir geht. Schon bin ich ins nächste Gespräch verwickelt. Heute geht’s aber rund.
Ich frage ihn, wie lange er noch hier aufpassen müsse. Bis 6 Uhr morgen früh, 12 Stunden lang, antwortet er. Ich wusste bis dahin nicht, dass das Hotel auch hier rund um die Uhr bewacht wird.

Ob er den Job mag, frage ich. Er verneint, aber er muss nehmen was er kriegen kann. Und dann erzählt er mir auch schon, dass er seinen Bruder und ein kleines Kind verloren hat, wobei er nicht verrät, ob es seines war oder eines aus seiner sonstigen Familie.
Man spürt überall die Last, die auf die Psyche dieser Menschen drückt und ein Ventil suchen.
Er war am Tag der Katastrophe hier, das Wasser sei ca. 1 m unter der Deichkrone stehengeblieben. Schwer zu schätzen, aber ich sage mal vom Seeniveau bis dahin sind es gut 10 oder 12 Meter. Es sei in mehreren Wellen regelrecht angerollt, nicht einfach nur angeschwappt. Er deutet aufs Gebüsch in dem wir stehen und verweist auf die fehlenden Blätter der Bäume in Bodennähe. Ich aber frage mich, warum es dieses Gebüsch nicht einfach weggerissen bzw. ausgeschwemmt hat. Die Stämmchen haben 4-6cm Durchmesser aber ich habe umgeknickte Stahlbetonsäulen gesehen?
Auf alle Fälle wurde das Hotel verschont, also wird es schon stimmen. Ausserdem ist der Strand relativ steil und breit und wird daher der Welle schon eine Menge Energie entzogen haben.
Er erzählt grinsend, dass die Menschen, die das ganze erlebt haben, schon beim Wort Tsunami zusammenzucken. Manche laufen schon, wenn auf den Strand eine grössere Welle zurollt.
Sarkasmus kann der Seele helfen.
Er möchte weiterreden, sucht das Gespräch.
Aber ich verabschiede mich, da es ans Abendessen geht und kehre zurück in mein bewachtes Edelghetto.